Manch einer hat schon die Erfahrung gemacht, daß die Leitung eines verteilten Projektes ihre Tücken hat. Eingetragene Vereine, die vom Stammtisch aus "regiert" werden sind in dieser Hinsicht kaum anders als multinationale Software-Entwicklungsprojekte. Eine Organisation hat - meiner bescheidenen Meinung nach - die Organisation verteilten Arbeitens wirklich im Griff: Das World Wide Web Consortium Kein Wunder: Der Leiter dieser Organisation, Tim Berners-Lee, hat die dafür nötigen technische Werkzeuge selbst erfunden: Das World Wide Web. Trotzdem, ohne einen darauf zugeschnittenen Arbeitsstil nutzt die Technik wenig. Im Gegenteil: Die Technik ist, genau betrachtet, nur ein Hilfsmittel, um einen verteilten Arbeitsstil zu ermöglichen. Ich hatte das Glück, mehrere Jahre im World Wide Web Consortium zu arbeiten und diesen Arbeitsstil kennen- und schätzenzulernen. Der von dieser Seite verlinkte Vortrag (bisher leider nur in Englisch) fasst die Kernpunkte dieser Arbeitsweise und ihres Umganges mit der Technik zusammen. Er besteht aus drei Teilen:
Ein noch zu entwickelnder vierter Teil wird klären, unter welchen Umständen ein Projekt nach dieser Methodik überhaupt verteilt realisiert werden kann. Eine der fundamentalen Annahmen ist jedenfalls, daß das zu bearbeitende Projekt nicht in ein "Schema F", also einen vorgefertigten Prozess passt.
Im ersten Teil geht es primär um den Umgang mit Menschen. Die grundlegende Annahme ist dabei, daß verteilte Projekte ihrer Natur nach mehr Kreativität und Improvisation erfordern als lokalisierte. Der Grund dafür ist ganz einfach: Verteilte Projekte müssen mit mehr Unwägsamkeiten umgehen: Ausfälle in Telefonverbindungen, Schwierigkeiten bei der Anreise und/oder der Organisation von Besprechungen und viele andere mehr. Darum stehen bei verteilten Projekte Prozesse tendenziell öfter im Weg als bei lokalisierten Projekten - gleichzeitig ruht eine wesentlich höhere Verantwortung auf dem einzelnen Projektmitarbeiter. Denn während man sich in einem lokalisierten Projekt "eben kennt" und deswegen vertraut, kennt man sich in einem verteilten Projekt eben nicht - und jedes Missgeschick, egal von wem zu verantworten, fällt auf die eigene Glaubwürdigkeit zurück. Darum ist, für jeden einzelnen Projektbeteiligten, die eigene Glaubwürdigkeit oberstes Gebot.
Der zweite Teil zeigt, wie man eine Gruppe so arbeiten lässt, daß das Ganze mehr ist als die Summe der Teile. Entscheidend hierfür sind einige wenige Kriterien, deren Einhaltung im Geiste (nicht den Buchstaben nach) dafür sorgt, daß die Gruppe mit einem "Wir-Gefühl" auf ein gemeinsames Ziel hinarbeitet.
Wenn die Gruppe einmal läuft, ist erfahrungsgemäß der Umgang mit Besprechungen bzw. Meetings die größte Herausforderung, unabhängig davon ob es sich um lokalisierte Zusammenkünfte oder Telefonkonferenzen handelt. Darum wird der Arbeit mit und an Besprechungen ein weiterer Schwerpunkt gewidmet.
Wahrscheinlich gebührt dem World Wide Web der Titel der am meisten verwendeten und am wenigsten verstandenen Technik unserer Zeit. Der dritte Abschnitt beschäftigt sich darum mit einigen populären Missverständnissen und was man mit sauber aufgesetzten Systemen gewinnt, damit, wie man das Web und das Internet vor den Karren einer Organisation spannen kann. Die Technik wird dazu eingesetzt, für den Menschen zu arbeiten, nicht umgekehrt. Einige einfache Kochrezepte zeigen, wie's geht.
Der Vortrag geht zeigt also einen ganzheitlichen Ansatz zur Arbeit an verteilten Projekten, und die Erfahrung zeigt, daß mit den beschriebenen Methoden ein verteiltes Projekt zuverlässig aufgesetzt werden kann, während die Verletzung der angegebenen Punkte ebenso zuverlässig zu Schwierigkeiten führt. Damit stellt die hier vorgestellte Methodik den kleinsten gemeinsamen Nenner erfolgreicher verteilter Projekte dar.
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